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Und aus welcher Provinz kommen Sie?
Autor: Dr. Kenneth Anders

Vom Potsdamer Platz in Berlin bis zum Eberswalder Marktplatz sind es nur 60 Kilometer, doch scheinen beide Orte in verschiedenen Welten zu liegen. Hier die Metropole, die sich in ihrer wiedererstandenen Bedeutung sonnt, dort die Provinz, die sich nach dem industriellen Strukturwandel wacker um neue Lebensperspektiven bemüht. Hier die Berlinale, dort das Filmfest Eberswalde, das sich von diesem Jahr an mit Selbstbewusstsein und leiser Ironie als „Provinziale“ vorstellt.

„Filme für die Provinz – Filme über die Provinz.“ Mit diesem Leitmotiv werden zwei Facetten beschrieben. Zum einen setzt der Verein Sehquenz e.V. damit seine jahrelange Arbeit fort und zeigt Filme aus aller Welt, die ein interessiertes Publikum hier sonst nicht zu sehen bekäme. Zum anderen soll die Provinz im Dokumentarfilmbereich zukünftig auch thematisch prägend sein. Uns interessieren die Lebensperspektiven von Menschen jenseits der begehrten Siedlungsplätze; ihre Hoffnungen und Sorgen, ihr tägliches Brot und die gesellschaftliche Achtung, die sie erfahren. Diese Fragen werden rund um die Welt sehr verschieden beantwortet.

Provinz global – das bedeutet unendliche Vielfalt: eine amerikanische Folkband und ein niedersächsisches Dorforchester, bayerische Ökobauern und mexikanische Kinder, Hartz-4-Empfänger in Angermünde und italienische Rentner werden sich auf der Provinziale begegnen. Eine solche Streuung mag auf den ersten Blick chaotisch erscheinen, tatsächlich ist sie bereichernd und erhellend. Die Provinzen der ganzen Welt rücken zusammen wie Menschen, die einander etwas zu erzählen haben. Sie berichten, welches Leben sich abseits der großen Markplätze abspielt.

Nicht immer ist dieses Leben attraktiv – Provinz ist oft von Verfall, Preisgabe und Krisengefühl geprägt. Manche Landschaften drohen zur Betriebsfläche degradiert zu werden, hier wird den Bewohnern die Luft zum Atmen genommen, der Boden vernichtet und das Wasser geraubt. In vielen Regionen sind zudem die kulturellen Bandagen so eng, dass die Menschen in die Städte fliehen.

Andernorts scheint Provinz der ideale Raum für Authentizität, Kreativität, Verantwortung und Freiheit zu sein. Wer sich die Dokumentarfilme auf dem Eberswalder Filmfest ansieht, könnte sogar den Eindruck gewinnen, dass die entscheidenden Veränderungen dieses Jahrhunderts in der Provinz stattfinden werden. Denn dass das große Kapital kein Interesse mehr an Kleinstadt, Bergdorf oder plattem Land hat ist auch eine Chance. Die gesellschaftlichen Umbrüche werden hier zwar besonders schmerzhaft empfunden. Klarheit, Selbstorganisation und Erfindungsreichtum gedeihen allerdings unter solchen Schmerzen am Besten. Die Menschen können spielerisch mit ihren Traditionen umgehen und die Welt gerade deshalb neu erfinden, weil sie selbst eine provinzielle Prägung erfahren haben.

Wer einmal gelernt hat, mit Neugier in die Provinz zu schauen, wird sich nicht satt sehen können. Es ist ein Abenteuer, eine Denkaufgabe – und ein Kaleidoskop an verschiedenen menschlichen Versuchen, das Leben gelingen zu lassen.

Der Autor:
Dr. Kenneth Anders beschäftigt sich als Kulturwissenschaftler vor allem mit Fragen der Landschaftsentwicklung. Für das Filmfest Eberswalde arbeitet er im Programmbeirat mit, der die Auswahl der eingesandten Filme für den Wettbewerb vornimmt.

  Dr. Kenneth Anders