Provinz
Seht hin. Es ist wichtig.
Zur Idee der Provinziale
Jeder Mensch hat ein Schicksal. Ob er in Shanghai oder in Trampe wohnt spielt dabei keine Rolle. Zwischen Geburt und Tod findet er Enttäuschung und Erfüllung, steht in der ersten oder in der letzten Reihe, sucht Glück und findet Leben. Das zeigen unsere Kurz- und Animationsfilme und sie dulden keine Widerrede: Wo es besser ist, kann man nicht sagen, sofern nicht Kriege und Katastrophen einen heimsuchen. Die Gerüche von Kuhstall und U-Bahnstation dulden keinen wertenden Vergleich. Es gibt keinen Grund dafür, das Leben der Menschen in den abgehängten Regionen der Welt, in die niemand mehr eine Hoffnung setzen mag, gering zu schätzen. Und es wäre auch ein Fehler, die Erfahrungen der Menschen in den Metropolen nicht Ernst zu nehmen.
Trotzdem sollte man eines nicht übersehen: Über die Zukunft unserer Gesellschaften wird in der Provinz entschieden, am Wasser, auf dem Acker und im Wald, nicht auf dem Parkett. Wo wenige Menschen auf weiter Flur stehen, wird ihr Handeln als direkte Beziehung zur Umwelt erfahren. Die Arbeit verliert sich nicht durch weit verzweigte Wertschöpfungsketten im Ungefähren, unsere Lebensgrundlagen gerinnen nicht durch Medien und Werbung zu einer Vorstellung.
In der Pampa, in der Walachei oder Jottwehdeh werden Menschen Opfer unseres energetischen Furors, indem ihre Dörfer für Staudämme geflutet werden. Dort stehen Familien vor dem Abgrund, weil ein Monat Gastarbeit allein in Deutschland mehr Einkommen sichert als ein Jahr Schafhaltung in Rumänien zu dritt. Rasende Sprachlosigkeit rüttelt an Dörfern, die berückend schön sind und trotzdem verlassen werden. Und die Versuche, ländliche Räume neu in Wert zu setzen, schwanken zwischen Sinn und Nonsens – zwischen ästhetischen Konzepten und aufgeblasenen Investmentphantasien.
Die Provinzen sind unter Druck, ihre zivilgesellschaftliche Schwäche macht sie anfällig für alle möglichen Formen des Missbrauchs. Trotzdem können sie überraschen. In den Zwischenräumen des fernen Ostens existieren immer noch Kulturen mit einer enormen Lebenskraft. Und im italienischen Piemont bringen es ehemalige Dorfbewohner fertig, dem letzten Holzfäller ihrer Region einen großartigen Respekt zu erweisen, so dass für einen Moment die Zeit stillsteht.
Ökologie, Ökonomie, ja sogar Freiheit und Recht sind dort prekär, wo nur noch wenige sind, wo aber das Essen und die Energie für alle herkommen. Nur heißt das nicht, dass die Bewohner dieser Gegenden unser Schicksal auch in der Hand haben. Sie können die Prozesse unserer Zeit nur erfahren und beschreiben – und versuchen, sich Spielräume für ihre eigenen Lebensvorstellungen zu bewahren.
Es gibt gegenwärtig kein Medium, das die Verständigung über diese Fragen besser leistet, als der Film. Mit Interesse und Engagement gehen Teams und Einzelkämpfer in die provinziellen Räume und begleiten die Menschen dort, um ihre Erfahrungen zu verstehen und sie an uns zu vermitteln.
Das ist die Idee der Provinziale: Keine Nische zu besetzten, sondern ein unerlässliches Bindeglied zu sein zwischen Shanghai und Trampe. Es sind nicht wenige Filme, die da entstehen, und es sind sehr gute dabei – kurze und lange, Animationen und Dokumentationen. Wir hoffen, dass wir Ihnen die besten ausgesucht haben und dass Sie diesen Filmen mit ebenso viel Anteilnahme und Leidenschaft folgen können, wie es bei den Protagonisten und ihren Filmemachern zu sehen ist. Und wir freuen uns auf ein Filmfest, von dem man sagen kann: sie feierten acht Tage und acht Nächte…
Kenneth Anders
Programmbeirat Dokumentarfilmwettbewerb Provinziale